Elite 2
Ich hatte hier unmerklich eine Auseinandersetzung mit dem Begriff “Elite” begonnen.
Ich lese gerade das Buch Gestatten Elite: Auf der Spur der Mächtigen von Morgen, von Julia Friedrichs.
Ein sehr gut lesbares Buch. Durch den flotten Schreibstil wähnt man sich manchmal in einer netten ironischen Analyse, aber das trügt. Sehr genau und unerbittlich stellt die Autorin immer wieder dieselbe Frage: “Was ist Elite?” “Wer oder was legitimiert Elite?” “Brauchen wir eine Elite und wenn ja wofür?”. Sie nimmt den Leser mit hinein in ihre Wahrnehmung und Spannungen mit dem Thema. Ihre ganze Recherche erinnert an Maffesoli, der für eine “verstehende” und “teilnehmende” Soziologie warb. Genau das macht Julia Friedrichs so interessant. Sie will verstehen, in die Welt derer die sich Elite nennen oder genannt werden, eintauchen. Und parallel wird immer wieder die eigene Haltung mitgedacht und reflektiert. Ein ehrliches Buch, das möglicherweise mehr Fragen als Antworten aufwirft.
Zum Thema selbst: Eliten, oder “eine Klasse für sich” oder wie man das sonst nennen will gab es schon immer. Sobald Menschen sich organisiert haben und sich eine Kultur entwickelt hat war eine “Elite” da. Das ist so. Zu fragen ob das gut oder schlecht ist scheint mir nicht zielführend, sondern eher wie gehen wir mit der Tatsache um. Wir, die wir nicht Elite sind und die, die sich dafür halten oder dazu ernannt werden. Und genau hier droht ein Zirkelschluss. Die Frage: “Wie gehen wir damit um” führt unweigerlich zu der Frage: “Was ist Elite?” oder “brauchen wir eine Elite?”, dann wird konstatiert, dass wir eine Haben, was sogleich zu der Frage führt, “wie gehen wir damit um…?” und so fort. Das Problem scheint mir die Verknüpfung von Macht, Geld und den daraus resultierenden Vorteilen zu sein, die nicht immer glücklich eingesetzt werden, wie Friedrichs auch den Soziologen Hartmann in ähnlicherweise zitiert. Eben dieses nicht (immer) sinnvolle umgehen mit den gegebenen Möglichkeiten, diskreditiert “Elite”.
Ist Elite nicht eher als “Charakterelite” zu verstehen (neben Machtelite, Leistungselite usw…)? Aber wer will Charakter bewerten? Dazu fehlt uns der Maßstab in unserem Pluralismus. Mein Bild von Elite finde ich eher in Persönlichkeiten wie Nelson Mandela, Mahatma Gandhi, Mutter Theresa, Jesus Christus beschrieben. Christus hat hier für mich die hervorgehobene Stellung, beziehen sich doch die zuvor genannten gerade (auch) auf ihn. Was ist das was diese Personen zu Elite macht? Sind sie überhaupt Elite? Sie selbst haben sich so nicht genannt. Es war ihnen nicht wichtig. Was also hatten die genannten Personen gemeinsam? Die Übereinstimmung von Überzeugungen und Handeln. Das Denken, Handeln und Fühlen über sich selbst hinaus. Sie standen für eine große Vision die von ihnen selbst wegwies. Wer Elite sein will braucht also einen Rahmen auf den er sich beziehen kann. Mehr noch, ein Korrektiv, welches auch gegebenenfalls den Spiegel vorhalten darf und die Grenzen für Handeln aufzeigen darf. Welche Grenzen gibt sich unsere Gesellschaft also? Hier sind wir in der Ethik. Was ist richtig und was ist falsch? Was ist gut und was ist böse? Was für eine Situation spielt die jeweilige Situation in einer ethischen Entscheidung?
Mir scheint es also eher so, dass diejenigen die Elite SIND es gar nicht angestrebt haben es zu werden. Sie haben zunächst gar nicht gemerkt welchen massiven Einfluss ihr Leben hatte. Erst später, haben sie dann ihren Einfluss benutzt um auf Ihre Sache hinzuweisen. Sei es Afrika, Indien oder die Armen und Sterbenden. Eliten werden also von denen Erkannt, für die ihr Handeln relevant ist. Kann man das von denen sagen, die Julia Friedrichs in ihrem Buch porträtiert? Kann man das von denen Sagen, die sich selbst so nennen? Diese Leute scheinen schon mal nach den Lorbeeren zu greifen bevor sie überhaupt was erreicht haben. Für mich sind das schlicht Leistungsträger. Ist ja gut, braucht auch jede Gesellschaft. Doch Elite? Nein noch lange nicht. Dazu stehen die persönlichen Bedürfnisse zu sehr im Vordergrund.

Hallo! Ich bin Marcus Splitt (1974) und lebe mit meiner Familie in Meiningen. Ich bin Theologe, Coach, Ausbilder, Lebens-Designer und querdenkender Entwickler. Als solcher bin ich selbständig. Hier schreibe ich über meine Arbeit, Spiritualität, das Leben, gesellschaftliches u.a.m.
Am 4. April 2008 um 14:57 Uhr
Hi Marcus. Du machst mich neugierig. Freu mich schon darauf dieses Buch selbst mal zu lesen.
Gruß aus dem wilden Süden von Martin.
Am 5. April 2008 um 00:55 Uhr
Mir gefällt die Sache mit dem Bezugsrahmen,und das über sich selbst hinauswirken. Dies als Elite zu bezeichnen, und die anderen als Leistungsträger zu betrachten, die unsere Gesellschaft auch braucht, das empfinde ich als einen hilfreichen Ansatz. Aus dieser Perspektive über diese Thema nachzudenken bringt mich weiter.